Traumatherapie

Traumatherapie ist eine spezielle Form der Psychotherapie, die entwickelt wurde, um traumatisierten Menschen gezielt zu helfen.

Ziel ist die Linderung oder die vollständige Auflösung der Symptome.

Zuerst wird daran gearbeitet, dass man sich zuerst wohler, stabiler und stärker fühlt; erst dann kann damit begonnen werden, sich mit früheren Ereignissen auseinandersetzen, um die schmerzhaften Gefühle zu reduzieren oder – im Optimalfall – vollständig zu überwinden.

Was ist ein Trauma?

Ein Psychotrauma ist die Folge entweder eines einzelnen traumatisierenden Ereignisses (Monotrauma), in der für eine gewisse Zeitspanne weder eine Flucht noch ein Kampf möglich war (wie z.B. ein Autounfall, ein Erdbeben, ein Raubüberfall, eine größere Operation mit Komplikationen, usw.), oder das andauernde Einwirken extrem belastender Lebenssituationen als Komplextrauma, also wiederholte oder über lange Zeit andauernde Traumatisierungen (wie z.B. anhaltender sexueller Missbrauch, Gewalterfahrungen in der Kindheit durch die Eltern, Krieg oder Gefangenschaft, usw.).

Peter Levine formuliert es in seinem Buch „Vom Trauma befreien: Wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen“ so: „Ein Trauma ist die am meisten vermiedene, ignorierte, verleugnete, missverstandene und unbehandelte Ursache menschlichen Leidens.“
Zentral für die Entstehung von Traumata ist die fehlende Entlastung während des traumatisierenden Ereignisses und eine fehlende, hilfreiche Unterstützung nach dem Trauma.
Im Zentrum steht die Angst, in der Regel verknüpft mit der Erfahrung von völliger Hilflosigkeit und dem Gefühl, ausgeliefert zu sein.
Dies erschüttert das eigene Selbstvertrauen und auch das Vertrauen in andere Menschen, ganz besonders bei Missbrauch und Gewalt.
Wenn tragende Grundregeln der Welt wie Sicherheit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, usw. nicht mehr gelten, kann ein Gefühl einer andauernden Entfremdung und eines tiefen Ärgers über die Ungerechtigkeit der Welt und des Lebens überhaupt entstehen. Bedauerlicherweise wird den Opfern von Gewalt oft – besonders bei sexualisierter Gewalt – eingeredet, sie seien selbst schuld daran, dass diese Situation bzw. dieses Ereignis überhaupt entstanden ist. Die Opfer reagieren darauf mit einem tiefen Gefühl von Scham, Selbstverurteilung und Rückzug.

Die häufigsten Konsequenzen einer durch Menschen verursachten Traumatisierung sind erhöhte Ängstlichkeit, Rückzug aus sozialen Kontakten und meist die Schwierigkeit, sich in alltäglichen Situationen mit anderen Menschen normal zu verhalten und im Berufsleben die erforderlichen Leistungen zu bringen. Unterbrochene Schul- und Berufskarrieren sind leider oft die Folge von unbehandeltem Trauma.

Aber nicht alle schweren Belastungen führen zu einer Traumatisierung und nicht jeder Mensch, der mit einem oder mehreren traumatischen Erlebnissen konfrontiert ist, entwickelt eine solche sogenannte posttraumatischen Belastungsstörung. Einmal sind Menschen unterschiedlich belastbar, zum anderen sind die Lebensumstände unmittelbar nach der traumatischen Situation entscheidend dabei, ob ein Trauma spontan verheilen kann oder nicht. Allerdings, je mehr traumatische Erlebnisse ein Mensch hat, umso wahrscheinlicher wird es, dass er eine posttraumatische Belastungsstörung, also eine Traumafolgestörung entwickelt.

Vereinfacht gesagt entsteht ein Trauma in Situationen, in denen wir einer Bedrohung, einer Verletzung oder einer Katastrophe ausgesetzt sind, das unser Nervensystem überfordert. Das passiert, weil dieses Erlebnis zu schnell, zu heftig, zu schmerzhaft, zu beängstigend oder zu beschämend etc. war. Weil es so außergewöhnlich belastend war, schafft es unser Organismus nicht, in einen ausgeglichenen Zustand zurückzukehren, sondern reagiert mit einer Art von dauerhaft fixiertem partiellen seelisch-körperlichen Krampfzustand.

Jedoch was für einen Menschen eine extreme, belastende Erfahrung ist, könnte für einen anderen, der in diesem Moment widerstandsfähiger ist, einfach nur zu einem unangenehmen Erlebnis werden.

Also, nicht das Ereignis an sich wird zum Trauma, sondern die physiologische Reaktion darauf, die zu einer dissoziierten Verkrampfung im Unbewussten der Psyche und im Körper führen kann. Weil die Impulse auf der Ebene des Stammhirns und nicht im limbischen System isoliert und eingefroren sind, haben wir keine eindeutige Empfindung für die traumatische Verkrampfung oder Erstarrung. So kann es passieren, dass Menschen 10 oder gar 20 Jahre lang nicht merken, dass sie traumatisiert sind. Unser autonomes Nervensystem ist in der Lage, einen Trauma-Komplex so zu isolieren und abzuspalten, dass wir vom Trauma nur unterschwellig eingeschränkt werden.

Sinn der Sache? Durch die Fähigkeit einer Abspaltung versetzt uns das Nervensystem unmerklich in die Lage, weiterhin einsatzfähig zu sein.

Wenn man sich vor Augen hält, dass durch ein Trauma in einer tiefen Schicht des Organismus ein „Stau“ entstanden ist, dann wird es gut vorstellbar, dass der Fluss der Lebensenergie vom Grunde her gedrosselt ist, obwohl unser Gehirn diesen „Stau“ so gut wie möglich zu umgehen versucht, indem es sich ausgleichend umorganisiert.
Hier noch eine kleine Aufzählung von möglichen subtilen Ursachen von Traumatas, von denen man nicht unbedingt vermuten würde, dass auch diese traumatisierend sein können:
– Alleingelassen zu werden von Babys und Kindern
– Behandlungsmaßnahmen beim Arzt oder Zahnarzt bei Kindern, die festgehalten werden, oder bei Erwachsenen die angeschnallt werden
– Extremen Temperaturen ausgesetzt zu sein im Baby- und Kindesalter oder bei älteren Menschen
– Autounfälle (auch kleinere)
– Stürze von älteren Menschen
– Vergiftungen mit hohem Fieber (Lebensmittel, Alkohol, Medikamente…)
– Gipsverbände, die mit Bettruhe verbunden sind
– Geburtsstress sowohl bei der Mutter als auch beim Kind…usw.

Symptome, die unter anderem mit Traumatisierung in Zusammenhang stehen können:

– Angstzustände
– Panikattacken
– Wutausbrüche
– Übererregbarkeit
– immer wiederkehrende Erinnerungen an belastende Ereignisse
– Vermeidung von Situationen, Orten und Menschen, die mit dem auslösenden Ereignis in Verbindung stehen könnten
– Misstrauen, überhöhte Kränkbarkeit (Dünnhäutigkeit)
– chronische Erschöpfung und Schlafstörungen
– „Ausgebranntsein“
– Konzentrationsschwierigkeiten
– Desorientiertheit, Gedächtnislücken
– Gefühl der Lähmung, Erstarrung
– Schmerzzustände ohne organische Ursachen
– Übervorsichtigkeit oder Apathie
– Gefühle der Ohnmacht, körperliche Ohnmachtsanfälle
– Ablenkungswut oder Rückzugstendenz
– Anfälligkeit für Unfälle oder Missgeschicke
– Entwicklung von Suchtverhalten als Versuch der Selbstmedikation
– chronische Beziehungsprobleme
Die Vermutung, dass solche Symptome mit einer Traumatisierung in Verbindung stehen, gilt, wenn diese länger als vier bis sechs Wochen andauern. Symptome einer nicht verarbeiteten Traumatisierung können plötzlich nach vielen Jahren wieder auftreten, meist ausgelöst durch gleichartig erlebte Gefühle oder Situationen, die mit dem auslösenden Ereignis in Verbindung stehen. Aufgrund des langen zeitlichen Abstands ist es für den Betroffenen oft nicht leicht, den Zusammenhang zu erkennen.

Traumatherapie

Die Traumatherapie ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche wissenschaftlich nachgewiesene psychotherapeutische Behandlungsverfahren und Techniken, welche sich zur effektiven Behandlung von Traumafolgekrankheiten eignen.

Wissenschaftler und Ärzte erforschen das Verhalten von Menschen mit Traumatisierungen und die so entwickelten Verfahren sind auf die psychischen und neurophysiologischen Besonderheiten der Vorgänge bei Traumatisierungen abgestimmt. Jede positive, einfühlende, menschliche Anteilnahme ist hilfreich und je rascher das Opfer eine kompetente Behandlung durch eine(n) TraumatherapeutIn erfährt, desto geringer wird die Gefahr einer Chronifizierung. Aber auch die eigene Familie kann eine Heilung bewirken, wenn die Unterstützung passend und hilfreich ist.


Behandlung

Oft ist uns der Hergang einer Traumatisierung nicht bewusst. Aber der Körper erinnert sich, denn er hat die Folgen eines traumatischen Erlebnisses in Form von Empfindungen oder gar Verspannungen gespeichert.

Da im Trauma die hochgeladenen Informationen verschlüsselt und isoliert sind, werden in der Therapie zunächst die verborgenen, komplexen Zusammenhänge im Körper wahrgenommen und ihnen die Erlaubnis gegeben sich zu entladen und aufzulösen. Wir haben immer einen guten Grund, warum wir das bis jetzt noch nicht aufgelöst haben!

Ein Trauma entsteht, weil das Nervensystem mit traumatisierenden Ereignissen überfordert war. Sich immer wieder mit den Menschen oder Umständen zu konfrontieren, die das Trauma ausgelöst haben, halte ich für kontraproduktiv. Anders gesagt, die harte Tour kann kurze Erfolge bringen, nicht aber die dauerhafte Heilung. Grundsätzlich ist es besser, dem Organismus sanfte Anreize zu vermitteln, um stufenweise eine Lösung zu erreichen und die Blockaden so aufzulösen, damit eine Entspannung auf allen Ebenen erfolgen kann.
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Strukturell gesehen sitzt das Trauma im Gehirn und manifestiert sich über das Nervensystem in körperlichen Verspannungen und Dysfunktionen.

Physiologisch gesehen braucht unser Organismus einen besseren inneren Druckausgleich, wie Wasser einem Gefälle folgt, um dadurch in Fluss zu bleiben. Die anfangs noch diffusen körperlichen Spannungen beginnen in den Therapiesitzungen konkret wahrnehmbar zu werden, und die in Muskeln und Gewebe fixierten Trauma-Abdrücke beginnen sich zu lockern, so, als wäre z.B. ein Eisblock geschmolzen.
Vereinfacht kann man sagen, dass es in der Traumatherapie auch um einen entladenden Ausgleich geht, den das Nervensystem wegen seiner schützenden Funktion – bisher – nicht geschafft hat.

Im Wesentlichen gliedert sich eine Traumatherapie in drei Phasen:

1. Stabilisierungsphase

In der Stabilisierungsphase wird das Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit in der Welt wieder hergestellt. Zentral dabei ist der Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser Phase ist die Vermittlung von Informationen (Psychoedukation) über das Trauma allgemein und den Einfluss, den das Trauma auf das Erleben und Verhalten von Betroffenen hat. So kann das Gefühl von Entfremdung und das Unverständnis für die eigenen Gefühle und Verhaltensweisen bewältigt werden.

Ein weiterer Teil ist die Vermittlung der Fähigkeit, sich wieder entspannen und konzentrieren zu können und auch wieder Kontrolle über die eigenen Gedanken und Gefühle zu erreichen. Dazu werden Entspannungstechniken und imaginative Verfahren eingesetzt. Nicht selten müssen bei Traumata im Zusammenhang mit Gewalt und sexualisierter Gewalt auch soziale Probleme oder Konflikte innerhalb der Familie besprochen und behandelt werden. Der Täterkontakt jeglicher Art muss sofort abgebrochen werden. Auch die Behandlung von selbstverletzendem Verhalten, Suchtmittelkonsum und Essstörungen kann ein Teil der Arbeit in dieser Phase sein.

2. Traumabearbeitungsphase

In dieser Phase wird die emotionale Verknüpfung zwischen den aktuellen Gefühlen und den Gefühlen und Bildern aus dem traumatisierenden Ereignis behandelt. Die derzeit am häufigsten eingesetzten Techniken, um eine Entkopplung bzw. Verarbeitung zu erzielen, sind EDxTM (Energy Diagnostic & Treatment Methods), EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) sowie Brainspotting. Aber auch andere Ansätze wie imaginative Techniken und auch körperorientierte Ansätze wie die Energetische Psychologie nach Dr. Gallo kommen zum Einsatz. All diese Techniken werden weltweit intensiv erforscht, laufend verbessert und überarbeitet.

3. Integrationsphase

In der Integrationsphase geht es um die Einordung dieser therapeutischen Erfahrungen der ersten beiden Phasen in den Alltag und um eine weitere Stabilisierung. Ein wesentlicher Teil kann auch Trauerarbeit sein und der Aufbau von Ressourcen, beispielsweise durch die Indizierung von neuen Freundschaften und Hobbies. Auch die Entwicklung von Kreativität als Baustein eines neuen Selbstbildes und Selbstwertes kann eine Aufgabe dieser Phase sein. Natürlich sind in einer konkreten Therapie diese Phasen nicht säuberlich voneinander getrennt sondern gehen in einander über. Manche Phasen wiederholen sich und vertiefen sich in einen fließenden Prozess, manchmal sogar innerhalb einer einzigen Therapiesitzung. Die Dauer einer Traumatherapie kann von wenigen Sitzungen bis zu einigen Jahren dauern.

Therapievoraussetzungen

Für das Gelingen einer Traumatherapie sind folgende Bedingungen förderlich:


Stabilität:

Die äußeren Lebensumstände sollten in Bezug auf Finanzen, Wohnsituation und Beziehungen hinreichend stabil sein, so dass eine Auseinandersetzung mit den eigenen Themen nicht erschwert wird.

Sicherheit:

Die traumatisierenden Bedingungen sollten in der Vergangenheit liegen. Wenn die Bedrohung durch Gewalt noch anhält, ist eine direkte Arbeit am Trauma nicht möglich – mit der Stabilisierung kann aber schon einmal begonnen werden.

Kontinuität:

Es können Akuttraumata ohne frühere Belastungen oft in wenigen Sitzungen bewältigt werden. Die Praxis zeigt aber, dass eher solche Menschen eine Behandlung aufsuchen, bei denen die akuten Ereignisse oder Belastungen mit früheren Traumatisierungen in Verbindung stehen, auch wenn diese in Vergessenheit geraten scheinen. Daher braucht eine gute Therapie die Zeit, die es braucht, und die Dauer lässt sich vorher seriös nicht bestimmen, denn ohne tiefere Aufarbeitung kommt die nächste Krise bestimmt. Also sollte die Bereitschaft bestehen, über eine möglicherweise längere Zeit regelmäßig Therapie zu machen, um an die Wurzeln der Probleme zu kommen. Die besten Aussichten, die Belastungen und Symptome zu bewältigen haben es Menschen mit einem gewissen Grad an Geduld und Durchhaltevermögen, auch wenn es verständlicherweise nicht leicht fällt.

Vertrauen:

Gerade wenn die Wurzeln der Probleme in zwischenmenschlicher Gewalt liegen, fällt es schwer, Vertrauen zu fassen. Jedoch sollte im Rahmen des Möglichen das Gefühl da sein, mit dem/der TherapeutIn eine sichere und offene Beziehung aufbauen zu können. Achtung! Nur PsychotherapeutInnen mit traumatherapeutischer Zusatzqualifikation führen Traumatherapie auf höchstem Niveau durch. Liste: Österreichisches Netzwerk für Traumatherapie